“It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back” …

Kapitalistische Träume statt Umsturz? Ein Artikel von Maya Princess, erschienen in der testcard #13

“It Taks A Nation Of Millions To Hold Us Back”…

…proklamierten Public Enemy 1988 und traten mit militanten Reimen an die Welt zu erschüttern. Mit einem Donnerschlag rückte Hip Hop ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Schwarz gekleidet mit Barett auf dem Kopf standen Public Enemy auf der Bühne. Umgeben von einer finster dreinblickenden Truppe in Kampfanzügen, die Maschinengewehre im Anschlag, die Augen starr auf das Publikum gerichtet. Sirenen heulten durch die Lautsprecher, nervöse Beatschnipsel vermischten sich mit hektischen Drumloops, die Rapper rissen sich gegenseitig das Mikrofon aus der Hand und verkündeten das Ende Amerikas. Public Enemy, a.k.a. Chuck D, Flavor Flav, Professor Griff und ihr DJ Terminator X erschreckten mit einer bisher nicht gekannten Aggressivität. Ihre Platte trug als Drohung obiges Zitat: “It Takes A Nation To Hold Us Back” mit dem Untertitel “Freedom is a road seldom traveled by the multitude”. Die Welt horchte erschreckt auf. Sollte das US-Regime gestürzt werden? Oder entstand eine neue Bürgerrechtsbewegung? Wer waren die mit einer eigenen Security Force antretenden Rebellen, die den “Countdown to Armageddon” ausriefen? Rückblickend steht fest: Die Popwelt hat es überlebt. Doch was ist aus dem Rest der Revolution geworden? Wäre die “Hip Hop Nation” heute in der Lage, einen politischen Umsturz durchzuführen.

Cultural Heritage

Frieden, Gleichheit, Gerechtigkeit, Wissen und die Einheit aller Menschen sind die Werte, die von der ältesten Hip Hop Institution, der Zulu Nation, seit 1974 propagiert werden. Sie setzt sich für ein friedvolles Miteinander und der Erziehung und Bildung von Jugendlichen ein. Afrika Bambaataa war es, der vor über 30 Jahren in New York die Organisation aus der Taufe hob. Er gilt als einer der einflussreichsten Pioniere des Hip Hop und wurde als DJ berühmt. Damals besass Afrika Bambaataa die größte Plattensammlung von allen , mixte verschiedenste Musikstile miteinander und förderte viele junge DJ- Talente. Seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass im Dezember 2002 der Staat New York den November, den Gründungsmonat der Zulu Nation, offiziell zum “Hip Hop History Month” ausrief. Per Resolution stimmten im Senat sowohl Demokraten, wie auch Republikaner dafür. Doch an welche Ursprünge soll gedacht werden und für was steht Hip Hop.

Hip Hop History

Hip Hop selbst definiert sich als Lebensstil, der sich durch ein bestimmtes Lebensgefühl ausdrückt, zu der Musik, Graffiti-Kunst, Breakdance, Mode, Sprachgebrauch und Gestik gehören. Blickt man zurück zu den Anfängen des Hip Hop, stellt man fest, dass Hip Hop nicht aus einer politische Protestbewegung heraus entstand, sondern sich zu Beginn der 1970er Jahre in New York aus einer Jugend-Partykultur entwickelte. Maßgeblich löste Clive Campbell die Bewegung aus, der unter dem Namen Kool DJ Herc bekannt wurde. Als Sohn jamaikanischer Einwanderer kam er 1967 im Alter von 12 Jahren in die Bronx und brachte die Soundsystemkultur aus Jamaika mit. Zusammen mit seinen Freunden organisierten sie sich eine Musikanlage und veranstalteten sogenannte “Blockpartys” auf leer stehenden Flächen oder Parks zwischen den Häusern. Umstehende Laternenmasten fungierten als Stromlieferanten. Viele Graffitikünstler malten Hintergrunddekorationen für die DJ-Bühne, entwarfen Poster und gestalteten die Flyer zur Ankündigung der Partys. Bereits am Mittag groovte der Sound zwischen den Häuserblocks und das bevorstehende Ereignis verbreitete sich wie ein Lauffeuer über Mundpropaganda und Telefonketten. Die Leute rannten los und suchten die Party und gingen oft erst nach 10 – 12 Stunden wieder nach Hause.

Anfangs spielte Kool DJ Herc die Musik, die er aus Jamaika mitgebracht hatte. Doch das Publikum, überwiegend Afroamerikanern und Emigranten aus Mittelamerika, begeisterte sich wenig für die Dubproduktionen. So fing er mit seiner Crew, den Herculoids, an, sich den musikalischen Vorlieben der dortigen Nachbarschaft anzupassen und legte Funk und Latin Platten auf. Mithilfe von zwei Exemplaren einer Platte loopte Kool DJ Herc kurze, rhythmische Passagen eines Songs endlos. Dazu spielte er die Stelle abwechselnd erst auf dem linken, und danach auf dem rechten Plattenspieler. Während er die zuerst abgespielte Platte wieder an den Anfang des Breaks zurückdrehte, liess er die andere Platte von vorne beginnen. Diese Art, mit Platten umzugehen, griffen bald anderen DJs auf. Unmittelbares Resultat auf der Tanzfläche war, das sich ein eigener Tanzstil dazu entwickelte: Breakdance. Dabei bewegten sich die Tänzer ruckweise zu den Akzenten der Musik. Zu der Zeit waren sie sehr auf “Stil” bedacht und trugen oft weiße Handschuhe. Die Bewegungsformen waren keineswegs so artistisch geprägt wie heute.

Die DJ-Technik war damals lange noch nicht so ausgereift. Man “lieh” sich die Plattenspieler der Eltern und einen Verstärker dazu und schloss zwei Boxen an. Die DJs mixten die Platten nach Gefühl und Augenmass. Die Übergänge krachten oft ineinander und wurden hörbar per Hand beschleunigt oder etwas zurückgedreht um den Beat zu treffen. Grandwizard Theodore war der erste, der die daraus resultierenden Kratzgeräusche rhythmisch einsetzte. Damit war das Scratching erfunden. Nach und nach ersetzten Drumcomputer das hin- und hermixen der Beatloops, später übernahmen Sampler diese Aufgabe. Die DJs konzentrierten sich auf das Scratchen und Einspielen kurzer Soundfills dazu. Diese Techniken wurden zusehends verfeinert und liessen eine sehr komplexe Kulturform entstehen aus Musik, Lyrik, Tanz und Kunst, die unter dem Begriff Hip Hop zusammengefasst wird.

Zu der Musik dazu entwickelte sich der Rap: Das Reimen, das Spiel mit Worten, mit Lauten, der Rhythmik. Kool DJ Herc rappte als erster zu seinen Platten. Er versuchte die Leute anzufeuern und Werbung für sein Soundsystem zu machen und bediente sich der ihm von Jamaika her bekannte Art des Sprechens zur Musik, das sogenannten Toasting. Ein weiteres Mitglied seiner Crew, Coke La Rock, rappte kleine Phrasen und Redewendungen, improvisierte kurze Reime und Erzählungen, während Herc die Platten drehte. Immer mehr begannen diese Art des Sprechens zur Musik zu kopieren. Die nachfolgenden Rapper erweiterten die Reime zunehmend. Die Rapper, oder Master of Ceremonies, kurz MC, wie sie mittlerweile genannt wurden, verbanden mit ihren gesprochenen Reimen abstrakte Übergänge und Breaks so miteinander, dass das Publikum weitertanzen konnten. Damit bekamen die Mixes der DJs eine Art Songstruktur. Auch wenn der Beat aussetzte, hielt der rhythmische Sprechgesang die einzelnen musikalischen Teile zusammen. Keiner konnte sich damals so Recht vorstellen, dass diese Art Liveperformance auch auf einem Tonträger interessant sein könnte. Und so dauerte es einige Jahre, bis die ersten Rapsongs veröffentlicht wurden. Die allererste, kommerziell erfolgreiche Rap Platte brachte die Sugarhill Gang heraus: “Rappers Delight”. Der insgesamt 14-minütige Song erschien im September 1979 auf dem Label Sugar Hill Records. Weil diese Form des Sprechgesangs für die Mehrheit der Plattenkonsumenten noch ungewohnt war, fühlt sich der MC genötigt, zu Beginn des Tracks zu erklären, dass dies kein Soundcheck sei, den er mache: „Now what you hear is not a test - I’m rappin’ to the beat and me, the groove, and my friends are gonna try to move your feet“. Mit der nun gewonnenen Öffentlichkeit mussten sich die Rapper plötzlich positionieren. Denn was aus einer Partylaune heraus gesagt wurde, klang auf Vinyl gepresst möglicherweise lächerlich. Naheliegender Weise berichteten die Rapper davon, was sie täglich erlebten. Als erster sozialkritischer Rap gilt der 1982 veröffentliche Track “The Message” von Grandmaster Flash, dem dritten Hip Hop Pionier im Bunde mit Kool DJ Herc und Afrika Bambaataa.

Hatten die Raps anfangs noch reinen Entertainmentcharakter und dienten dazu, die Partygäste zu animieren, bekamen sie zusehends mehr inhaltliche Bedeutung. Das Spektrum reichte von religiösen Themen, über politische Propaganda und Agitation, gemischt mit Gangstergeschichten und präpubertärem Potenzgeprahle. Gerade letzteres liess sich kommerziell am besten verwerten, da es den Spielregeln der Popmusik am meisten entsprach – Liebeslieder mit Ghettokolorit. Die ebenso erfolgreiche Variante des Gangstaraps befriedigte das Bedürnis nach Nervenkitzel des Zuhörers. Ausserdem suggerierte es, dass bei den sich weltweit wirtschaftlich verschärfenden sozialen und ökonomischen Gegensätzen nur derjenige überlebt, der die Spielregeln der Strasse kennt und bereit ist, sein Anliegen mit allen Mitteln durchzusetzen. Das Ghetto wurde zum Abenteuerspielplatz und der mörderische Gangalltag als Unterhaltungsprogramm promotet.

Gangstas Paradise

Hip Hop hat heute gemeinhin einen schlechten Ruf und liefert, wie es scheint, bereitwillig recht stereotype Bilder dazu, diesen zu untermauern. Regelmässig gerät Hip Hop in die Schlagzeilen der Presse. Die Anklagen lauten von Drogenkonsum und Körperverletzung, bis Vergewaltigung und Mord. Und immer wieder trifft es auch die Heroen selbst: Tupac Shakur, Notorious B.I.G. und im Oktober 2002 Jason Mizell a.k.a. Jam Master Jay, DJ von Run DMC, einer der bekanntesten Rapgruppen überhaupt. Während einer Aufnahmesession im Studio wurde er hinterrücks erschossen. Tatmotiv bis jetzt unbekannt. Geschichten von Sex und Gewalt, rücksichtlosem Überlebenskampf und autoritärem Männlichkeitskult mit Frauen als Dekoration oder als willfährigen Objekten männlicher Lustphantasien. Explicit Lyrics als Qualitätssiegel. Berufswunsch Gangster - das scheint Hip Hop gemeinhin zu vermitteln.

Was einen erfolgreichen Gangsta Rapper ausmacht ist in den von Stephanie Mwandishi Gadlin erarbeiteten “10 (unausgesprochenen) Geboten des Hip Hop” zu finden. In den “Hip Hop’s (Unspoken) Ten Commandements” werden alle Attribute aufgezählt, die zum Erfolg führen, wie u.a. das Denunzieren “schwarzer” Frauen, das Töten anderer, den Besitz begehren, der einem nicht gehört, viel Drogen und Sex haben, nicht über Glaubensfragen reden, jeden Geschichtssinn negieren, den Kapitalismus unterstützen und vor allem erzählen, dass das Ghetto der Angelpunkt aller Dinge ist: “Thou must dis’ black women, kill, covet, have a lot of sex, celebrate the drug culture, rarely talk about God and spirituality, promote capitalism, cannot have a sense of history, must not advocate and must promote allthings ghetto”. Im Gegenzug dazu garantiere die Plattenindustrie unendlichen Erfolg, ein festes Einkommen, unermesslichen Ruhm, Music Awards und andere Auszeichnungen sowie die Gewissheit, dass sich auf keinen Fall etwas an den bestehenden Verhältnissen ändern würde. Werden diese 10 Gebote nicht unterschrieben, wäre man dazu verdammt, an offenen Poetry Readings teilzunehmen und auf ewig in seinem erfolglosen “Ghetto Dasein” gefangen zu bleiben.

Das im Gangsta Rap inszenierte Image besteht darin, dass die eigene Macht über andere demonstriert wird. Dessen Überleben sei nur durch Unterwerfung möglich und hänge vom Wohlwollen des Rappers ab. Frauen werden in diesem Umfeld lediglich als Schmuck der eigenen Person betrachtet. In den meisten solcher Videos tänzeln sie leicht bekleidet, im Gegensatz zum Rapper, der mit mehreren Lagen T-Shirts, Kapuzenpulli, weiter Jacke und Goldketten dasteht, um ihn herum, während er in eindeutigen Posen seine Potenz demonstriert. Einer der brutalsten Lyrics, die die Gewalt gegen Frauen beschreiben, sind von den Geto Boys auf ihrem Track “Mind of a Lunatic” zu hören. Minutiös werden die einzelnen Phasen einer Vergewaltigung beschrieben, einzig und allein zum Zwecke der Idealisierung von sexueller Gewalt an sich. Ziel der Geto Boys ist die Widerherstellung von in Frage gestellten Hierarchien und autoritären, männlich geprägten Wertvorstellungen. Perfide ist in diesem Zusammenhang auch eine von der Nation of Islam geführte Kampagne unter dem Namen “Free Mike Tyson”, die auch von Public Enemy unterstützt wurde. Darin wurde versucht, den der Vergewaltigung überführten Boxchampion Mike Tyson als Opfer einer “White-Power”-Verschwörung darzustellen. Bei dieser Kampagne wurde das Vergewaltigungsopfer Desiree Washington bezichtigt, sie wäre eine Verbündete “of the white devil” und würde mit den “Weissen” gemeinsame Sache machen und daher Verrat an ihrem eigene “Volk” üben. Das Frauen an den Zuständen schuld seien, diese Auffassung vertritt auch ungeniert Ice Cube. Insbesondere seien Frauen für die im Ghetto herrschenden Gewalt verantwortlich. Ice Cubes Ansicht nach üben Männer deswegen Gewalt aus, weil die Geldgier der Frauen sie zu kriminellen Handlungen zwingen würde – dies ist allen Ernstens zu hören auf Titeln wie “A Bitch is A Bitch” oder “Bitch Killa”

Infolge solcher Gewalt verherrlichender Lyrics, die oft noch mit zahlreichen Vulgärausdrücken unterstrichen werden, gab es in den USA Zensurbemühungen verschiedenster Interessenverbände, vornehmlich Eltern- oder Lehrerorganisationen. Sie versuchten den Liveauftritt solcher Rapgruppen zu unterbinden und den Verkauf von entsprechenden Schallplatten zu verhindern. Als Reaktion darauf verpflichten sich 1985 die grössten amerikanischen Plattenfirmen freiwillig, auf alle Platten, die eventuellen Protest auslösen könnten, einen Aufkleber anzubringen, der warnt: “Explicit Lyrics. Parental Advisory”. 1990 wurde von 12 Bundesstaaten der Vorstoss unternommen, diesen Aufdruck gesetzlich verbindlich zu machen. Der Versuch misslang jedoch und der weiterhin freiwillig auf vielen Schallplatten angebrachte Sticker avancierte stattdessen zum Gütezeichen für “echten” Hip Ho

Multi-Million Dollar Business

“Sex ‘n Crime ‘n Hip Hop” ist das Motto der Plattenindustrie, was hinter den grössten Verkaufserfolgen in Sachen Rapmusik steht. Doch der Trend scheint rückläufig. In den USA sank der Umsatz im Jahre 2002 gewaltig. Mehr und mehr Radiostationen weigern sich Gangsta Rap zu spielen. Und zunehmend wird die Frage nach der sozialen Verantwortung der Rapper aufgeworfen. Russel Simmons, der Mitbegründer von einem der erfolgreichsten Hip Hop Labels namens Def Jam Records, beklagte 2001 einen Rückgang der Plattenverkäufe um 20% und führt dies darauf zurück, dass viele Rapper nicht mehr glaubwürdig sondern als Produkt der Plattenindustrie erscheinen würden. Dagegen würde das Interessen an Spoken Word Artists steigen, die mit gesellschaftskritischen Texten und ohne die Klischees des Gangsta Raps die Interessen der eigenen Community glaubhaft vertreten und dafür ernst genommen würden. Als Indiz für das nachlassende Interesse an ersterem kann zudem das veränderte Konzept von Radio One gelten, dem grössten Radiosender, der unter afroamerikanischer Leitung steht. Radio One sendet zunehmend keine Hip Hop Tracks mit vulgären und erniedrigenden Inhalten, weil, laut Stellungsnahme des Senders, das die Hörer nicht mehr hören wollten

Teachers and Prayers: Afrika Bambaataa und die Zulu Nation

Doch Hip Hop ist nicht nur Gangsta Rap. Afrika Bambaataa wendet sich seit fast drei Jahrzehnten gegen die Zerstörung der “schwarzen” Community durch Gangkriege, Prostitution und Drogenmissbrauch. Er tritt entschieden gegen den Glauben an eine “schwarze” Schicksalsgemeinschaft an und versucht, Aufklärung zu betreiben. Das Credo, welches er zur Grundlage für die von ihm begründete Zulu Nation gemacht hat, lautet: “Knowledge, wisdom, understanding, freedeom, justice, equality, peace, unity, love, respect, work, fun, overcoming the negative to the positve, eceonomics, mathematics, science, life, truth, facts, faith, and the onenes of God”. Afrika Bambaataa kritisiert auf der einen Seite das sich Zurückziehen in eine Schicksalsgemeinschaft, und bestätigt auf der anderen Seite die fragwürdigen Kriterien, die sie definieren. Denn obwohl er von den Menschen als Einheit spricht, übernimmt er ohne Anführungszeichen die Kategorisierung von “schwarz” und “weiss”. Es gibt aber keine Grenze zwischen “schwarz” und “weiss”. Genauso wenig wie es Rassen gibt! Ab wann ein Mensch als “schwarz” gilt, beruht auf einer willkürlichen Zuordnung. Eine so konstruierte Zwangsgemeinschaft führte im Laufe der Geschichte zu einer Selbstethnisierung. Gerade dort, wo das Wissen um die genaue geographische und kulturelle Herkunft von staatswegen ausgelöscht worden ist, wirkt eine solche fiktive Ethnisierung identitätsstiftend, so dass ein eigenes Interesse an dieser Klassifizierung entwickelt wurde. Diese führte dann zu der von Afrika Bambaataa zu Recht bemängelten Haltung, dass man aufgrund dessen seinem Schicksal ausgeliefert sei und darin gefangen bleibe. Eine Opferhaltung, die in einer lähmenden Passivität endet. Als sichtbares Signal gegen den Rassismus öffnete Afrika Bambaataa die von ihm gegründeten Zulu Nation für Menschen aller Hautfarben.

Um ein politisches Bewusstsein bei seinen Zuhörern zu entwickeln, verlas Afrika Bambaataa während er Platten auflegte, Reden von Malcolm X. Malcolm X war ein charismatischer, afroamerikanischer Agitator, der eine vom Islam geprägte Gesellschaftsordnung propagierte. Durch gezielte Provokationen versuchte Afrika Bambaataa Leute zu motivieren, politisch aktiv zu werden. Er selbst bekennt sich zum Islam bzw. zur “Nation of Islam”, die einen eigenen, “schwarzen” Staat fordert und eine religiöse Mixtur aus Christentum und Islam vertritt. Afrika Bambaataa sieht darin keinen Widerspruch, sondern glaubt, dass es nur einen Gott gäbe, der lediglich unterschiedliche Namen habe. Er sieht sich als Vermittler, sowohl politisch wie auch musikalisch. Als DJ führt er unterschiedlichste Musikstile zusammen und als Musiker arbeite er genreübergreifend u.a. mit Boy George, Adrian Sherwood oder Johnny Rotten zusammen

Education + Entertainment = Edutainment

Um konkret politische und soziale Inhalte bemüht sich seit Mitte der 1980er ebenso KRS-One, der seinen Stil als “Edutaintment” bezeichnet, einer Mischung aus “Entertainment” und “Education”. Bildung ist ein zentrales Anliegen im Hip Hop. Über deren Erwerb äusserte sich einmal Chuck D von Public Enemy: “The so-called terrorists all studied, thus I challenge young cats, how can you be part of counter-intelligence if you don’t have the intellect in the first place to counter intelligence? Intelligence cannot be purchased over a counter, as many consuming Americans would think…”. Gemein ist KRS-One, Public Enemy und Afrika Bambaataa, dass sie ihre Botschaften mit einer gewissen Lebensfreude übermitteln wollen, dem Spass am Feiern und Party machen: Politische Aussagen zu tanzbaren Beats. KRS-One begründete verschiedene Bewegungen und versucht seine immense Popularität und die für ihn daraus resultierende Rolle als Vorbild positiv zu besetzen. 1988 rief er zusammen mit Nelson George, einem afroamerikanischen Journalisten, die “Stop the Violence” Bewegung ins Leben. Auslöser dafür war, dass ein Konzertbesucher umgebracht wurde, als er versuchte, eine ihm gestohlene Goldkette zurückzubekommen. Gemeinsam mit Rappern wie Just Ice, MS Melodie, MC Lyte, Kool Moe Dee und Chuck D wurde eine Platte mit dem Titel “Self Destruction” aufgenommen und symbolträchtig am Geburtstag von Martin Luther King veröffentlicht. Martin Luther King, der 1929 in Atlanta geboren und 1968 Opfer eines Anschlags wurde, kämpfte gewaltlos für soziale und politische Gleichberechtigung, wie der Aufhebung der Segregation, das Wahlrecht, das Recht auf Arbeit und die Schulpflicht. Sein Geburtstag wurde zum Nationalfeiertag in den USA. In dem Track “Self Destruction” ging es inhaltlich darum, die Selbstzerstörung zu stoppen sowie das Schulsystem zu reformieren. Dazu wurde ein Fragebogen verteilt, der in Schulen diskutiert werden sollte. Es wurden Wettbewerbe organisiert und ein Scheinbegräbnis des Apollo Theaters in Harlem inszeniert. Spike Lee, einer der bekanntesten afroamerikanischen Filmegisseure heute, fertigte einen Videoclip und KRS-One brachte 1990 ein Buch heraus, dass den Titel “Stop The Violence: Overcoming Self Destruction” trägt. Neben der afroamerikanischen Geschichte dokumentiert es die Dreharbeiten zum Videoclip. Der Erlös aus dem Verkauf der Maxi, ca. $ 250.000, wurde der National Urban League überwiesen. Die 1910 gegründete National Urban League setzt sich bis heute für soziale Projekte ein, wie der Alphabetisierung, die Problematik von Teenager Schwangerschaften, Sozialwohnungen, Wählerregistrierung, Schulungen, Wirtschaftsförderungen und Arbeitsprogramme: “The Urban League [...] is devoted to empowering African Americans to enter the economic and social mainstream”. Sie ist mittlerweile in über 100 Städten aktiv. Ihre Strategie besteht in der Sicherstellung der Schulbildung, damit die heranwachsende Generation den ökonomischen Herausforderungen gewachsen sei. Sie unterstützen Erwachsene in ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit mittels angemessenen Jobs, eigenem Grundbesitz, Unternehmertum und Bildung von Kapitalanlagen. Des weiteren kämpfen sie für die Sicherstellung der Menschrechte, indem sie alle Hindernisse und Zugangsbeschränkungen, die die Teilhabe am ökonomischen und sozialen Mainstream beschränken wollen, versuchen zu beseitigen

Ein weiteres von KRS-One 1990 gegründetes Projekt in dem er Bildungsmassnahmen propagierte war H.E.A.L., was für “Human Education Against Lies” steht. Zuletzt rief KRS-One den “Temple of Hip Hop” ins Leben. Neben zahlreichen sozialen Aktivitäten veröffentlicht er politische Leitlinien, die als Handlungsgrundlage und “Nachschlagewerk” bei Konflikten benutzt werden sollen. Den 3. Mai erklärte er zum “Rap Music Day”, bei dem sich “Hiphoppas” in den Dienst ihrer Community stellen sollen. Und die dritte Maiwoche ist die “Hiphop Appreciation Week”, in der es die Errungenschaften und Prinzipien der “Hiphop Kulture” zu würdigen gilt. Seine Aktivitäten finden grosse Resonanz, nicht nur innerhalb der Hip Hop Community selbst. Im Jahre 2002, dem mittlerweile 5. Jahrestag der “Hiphop Appreciation Week”, war das Motto “Gratitude” – Dankbarkeit. Veranstaltungen dazu fanden statt in New York, Atlanta und Los Angeles. In der Hauptsache ging es darum, dass öffentliche Image des Hip Hop zu entkriminalisieren und nach einem positiveren Bild zu suchen. 2001 nahm neben anderen lokalen Politikern auch der US Senator Charles Summer teil. Im Zuge dieser Woche fand eine “Hip Hop Conference for Peace” statt, an der über 300 Vertreter aus dem Musikbusiness, der Medien, der Politik, aus dem Showgeschäft und illustere Hip Hop Künstler wie Kool DJ Herc, Kurtis Blow, Roxanne Shante, The Cold Crush Brothers oder Grandmaster Flash anwesend waren. Auf dieser Konferenz, die u.a. von der UNESCO unterstützt wurde, wurde die “Hip Hop Declaration of Peace” verabschiedet. Diese soll die Grundlagen für “health, love, awareness, wealth, peace and prosperity for ourselves, our children and their children’s children, forever” legen und als Ratgeber für alle “Hiphoppas” fungieren. Die achtzehn Grundsätze definieren, wofür Hip Hop steht: “First Principle: Hiphop (Hip’ Hop) is a term that describes our independent collective consciousness. Ever growing, it is commonly expressed through such elements as Breakin, Emceein, Graffiti Art, Deejayin, Beatboxin, Street Fashion, Street Language, Street Knowledge and Street Entrepreneurialism”. Auch die Hip Hop Community wird genau definiert: “The Hiphop community exist as an international culture of consciousness that provides all races, tribes, religions, and styles of people, a foundation for the communication of their best ideas and works”. Die Deklaration wendet sich im weiteren gegen den Ausverkauf durch die Musikindustrie: “Hiphop and its culture can not be bought, nor is it for sale…Hiphop is the priceless principle of our selfempowerment”. Jede Art der Gewaltanwendung muss abgelehnt werden. Doch “War is reserved as a final solution when there is evidence that all other means of diplomatic negotiation have failed repeatedly”. Die Deklaration spricht von gegenseitigem Respekt und dem vorm Leben, dem Einfluss auf andere, speziell auf Kinder und Jugendliche und der daraus erwachsenen Verantwortung, das Beste zu tun, was man kann. Als Rezept für politische Veränderungen wird ausschliesslich soziales Engagement propagiert – und Respekt vor dem Leben. “Hiphop is shown the highest respect when Hiphoppas respect each other”

Conscious Rap

Ein gutes Beispiel abzugeben beabsichtigten die “Native Tongues”. Ende der 1980er formierte sich diese lose Gruppierung um Afrika Bambaataa mit den Jungle Brothers und Queen Latifah. Sie wollten sich durch gemeinsame Auftritte gegenseitig promoten, um so mit den eigenen Projekten eine grössere Öffentlichkeit zu erreichen. Sie demonstrierten offensiv ihre Vorstellungen von Freundschaft, Selbstdisziplin oder den Respekt vor anderen. Musikalisch experimentierten sie mit diversen Stilen wie Reggae und House. Als nächste schlossen sich den “Conscious Rappern”, wie die Lyrics mit politischen Glaubensbekenntnissen bezeichnet wurden, De La Soul mit Prince Paul sowie die Gruppe A Tribe Called Quest an. Ein gemeinsames musikalisches Ergebnisse dieser Kollaboration waren die Tracks “Buddy” von De La Soul oder “Doin’ Our Owan Dang” von A Tribe Called Quest. Anfang der 1990er traten weitere Hip Hop Formationen den “Native Tongues” bei. Dazu gehörten Black Sheep, Common, Da Bush Babees oder The Leaders of the New School, aus den spätere Stars wie Busta Rhymes und Mos Def hervorgingen, sowie Arrested Development. Ihr Track “Revolution” erschien im Soundtrack zu Spike Lee’s Verfilmung der Biographie von “Malcom X”. Inhaltlich orientierten sich Arrested Development an den humanistischen Idealen der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre. Sie suchten nach einem Ort jenseits des Ghettos, in dem sie in Sicherheit und mit ihren Vorstellungen im Einklang mit der Natur leben konnten und propagierten das Landleben. Mit diesem Lebensstil wollten sie anderen eine Alternative zu den Strassen der Grosstadt vorzuleben. Mitte der 1990er waren alle der mittlerweile über 30 bei den “Native Tongues” involvierten Künstler so erfolgreich, dass sie auf gegenseitige Promotion nicht mehr angewiesen waren und sich im allgemeinen Einvernehmen auflösten

Afrika Bambaataa initiierte 1990 eine gemeinsame Aktion mit den Jungle Brosthers, Queen Latifah, Lakim Shabazz und dem X-Clan unter dem Motto “Hip Hop Artists Against Apardheit”. Zusammen brachten sie eine 12 “- Maxi heraus, die den Titel “Free South Africa/Ndodemnyama” trug. Die Einnahmen dieser Platte gingen an den ANC. Bereits 1987 hatten Stetsasonic den Titel “A.F.R.I.K.A.” veröffentlicht und dazu eine 18-seitige Textbeilage zum Thema Apartheid beigelegt. Wie gespalten das politische Bewusstsein jedoch ist, lässt sich aus einem in dieser Zeit, genauer gesagt 1990, geführten Interview der Zeitschrift Spin mit dem inzwischen verstorbenen Mitglied von N.W.A., Eazy-E, erkennen: “Diese Idiotie mit der Black Power, damit haben wir nichts zu schaffen. Ich wette, dass in Südafrika niemand einen Sticker mit der Aufschrift “Freiheit für Compton” oder “Freiheit für Kalifornien” trägt. Die haben mit uns nichts zu schaffen, also warum sollten wir uns um die kümmern? Wir sind absolut nicht in der Politik”

New Role Model

Die mangelnde Vorbildfunktion der Rapper wird zunehmend in der öffentlichen Diskussion und innerhalb der Hip Hop Gemeinschaft kritisiert. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie sich ihrer Verantwortung nicht stellen und ein schlechtes Bild ihrer eigenen Community abliefern. Trotz des politischen Potentials, das Hip Hop immer wieder zugerechnet wird, musste man sich selbst eingestehen, dass sich seit Hip Hop die Lebensumstände und sozialen Verhältnisse der Afroamerikaner keineswegs zum Besseren gewendet haben, obwohl mittlerweile jeder eine Vorstellung über die sozialen Misstände dank den wortreichen Beschreibungen der Rapper bekommen haben müsste, bestimmen Negativschlagzeilen das Bild. Die Antwort der führenden Aktivisten darauf scheint in ständig erneuerten Aufrufen an den sozialen Einsatz in der eigenen Community zu sein, verbunden mit dem Appell, sich seiner sozialen Verantwortung bewusst zu sein und als gutes Beispiel voran zugehen. Sowohl die Vertreter aus den eigenen Reihen wie auch die verschiedener ideologischer Gruppierungen wiederholen dies einstimmig

Den Appellen einzelner soll augenscheinlich durch Grossveranstaltungen mehr Gewicht zu kommen. Von der Ostküste bis zur Westküste finden Hip Hop Konferenzen statt, bei denen die wichtigsten Hip Hop Organisationen sowie Labelchefs, Künstler, lokale Politiker und Vertreter radikaler Ideologien nebeneinander auftreten. 2001 wurde das Hip-Hop Summit Action Network begründet. Aus dieser Zusammenkunft ergaben sich gemeinsame Aktivitäten, die zum Beispiel die Forderungen nach freier Meinungsäusserung, besserer Bildung und einfachere Wahlberechtigungsverfahren beinhalteten. Aufgrund der Integrität des Def Jam Labelchefs Simon Russels liessen sich populäre und massenwirksame Rapper wie Sean Carter, a.k.a. Jay-Z oder Wyclef Jean dazu gewinnen, die “Mobilization for Education Rally” im Juni 2002 zu unterstützen und dort als Redner aufzutreten. So erschienen über 100.000 Teilnehmer in New Yorks City Hall und protestierten gegen die geplanten Einsparungen des Schulbudgets. Es gelang damit die Kürzungen weitestgehend zu verhindern und den Etat zu erhalten. Eine der gewichtigsten Gipfeltreffen 2002 in Sachen Hip Hop war die West Coast Hip Hop Summit im Februar des Jahres. Sie wurde organisiert von Russel Simmons, Ben Muhammed und dem Hip Hop Action Network und fand statt im vornehmen Four Seasons Hotel in Los Angeles. Als Sprecher eingeladen waren der Führer der Nation of Islam, Louis Farakhan, und Kongressabegeordnete der Demokraten wie Maxine Waters. Solche Veranstaltung haben eine politische Bedeutung, sonst würde nicht auch der ehemalige Bürgermeister von Washington D.C., Marion Berry im Publikum. Ebenso waren Vertreter von Black Youth Vote und Rap the Vote da. Einer der Mitveranstalter, Ben Muhammed, rekrutierte viele Hip Hop Organisationen der Bay Area persönlich, wie Mindz Eye Collective, Lets Get Free, Books Not Bars, Black Dot, Youth Speaks, Urban Campfire, Thrid Eye Movement, Freedom Fighter Records, Ella Baker Center oder die United Playas. Viele der Organisationen engagieren sich in der sozialen Arbeit ihrer Communitys. Des weiteren waren als einflussreich geltende Persönlichkeiten der Hip Hop und Gang-Szene aus Los Angeles anwesend. Mit Spannung wurde ebenfalls das Zusammentreffen der ehemaligen Geschäftspartner Suge Knight und Andre Young, a.k.a. Dr. Der, erwartet. Die gesamte Presse von CNN bis MTV war ebenfalls vertreten

Afrozentrismus und Separation

Grosse Beachtung erhielt der Auftritt von Louis Farakhan, dem Chefideologen der Nation of Islam. Gegründet wurde diese politisch-religiöse Bewegung in den1920ern von W.D. Fard. 1930 spaltete sich die Nation of Islam, kurz NOI, von der Moorish Science Temple Sekte ab, deren Ideologien sich aus dem Christentum, dem Islam und dem Garveyismus ableiteten. Letzteres bezeiht sich auf die Ideen Marcus Garveys , der 1887 auf Jamaika geboren wurde. Zu seinen Dogmen gehört die Ansicht, dass “je dunkler die Hautfarbe, desto höher das Bewusstsein” sei. 1914 gründete er die Universal Negro Improvement Association (UNIA) in Jamaika. Nach seiner Übersiedlung nach New York entwickelte er 1916 das “Back to Africa”-Programm, bei dem es um die An- und Übersiedlung Afroamerikaner in das Land ihrer Vorfahren ging. Er baute weltweit UNIA Filialen auf und war u.a. Initiator der 1918 gegründeten Zeitung “Negro World”. 1919 rief er die “Black Star Line” ins Leben, eine Dampfschiffahtslinie, die sein “Back to Africa”-Programm in die Tat umsetzen sollte. Auch heute ist es bei Hip Hoppern noch populär, afrikanische Symbole und Stoffe zu tragen. Afrozentristische Ideologien, in denen Afrika als politische, kulturelle und ökonomische Referenz genommen wird, sind in so manchem Rap wieder zu finden. Marcus Garvey wollte ebenso eine eigenständige “schwarzen” Ökonomie aufbauen. Dazu gründete er 1920 die “Negro Factories Corp.

Einen eigenen “schwarzen” Staat mit einem selbst tragenden Wirtschaftsimperium forderte auch Elijah Muhammad, der 1933 die Führung der NOI übernahm. Er radikalisierte das politische Programm der ursprünglich aus einer Sekte hervorgegangenen Gruppe. Sein Nachfolger sollte Louis Farrakhan, mit bürgerlichem Namen Louis Eugene Wolcott, werden. Dieser war ursprünglich Sänger und Songwriter und tourte unter dem Namen “Calypso Gene”. Die Einladung der NOI bei einer Versammlung aufzutreten, lies ihn 1955 ein Anhänger Elijah Muhammads werden. Erst änderte er seinen Namen in Louis X und später dann in Louis Farrakhan. Eifrig studierte er die Ideologien Muhammads und wurde von 1965-1975 zum Leiter der Harlemer Moschee berufen, was ihm eine grosse Publicity verschaffte. Später avancierte er zum offiziellen Sprecher der Nation of Islam. Auch Farakhan trat für einen unbedingten “schwarzen” Separatismus ein und wendete sich gegen jegliche Integrationsideologien. Er beschuldigte die “schwarze” Mittel- und Oberschicht Bestandteil des “weissen” Systems zu sein. 1984 proklamiert er in einer Rede: “Some white people are going to live….but (God) don’t want them living with us. He doesn’t want us micing ourselves up with the slavemaster’s children, whose time of doom has arrived”. Zu dieser Zeit war Farakhan Wahlkampfberater von Jesse Jackson, der als Präsidentschaftskandidat der Demokraten antrat. Einige Hip Hop Titel spielen auf letzteren an, wie “Jesse” von Melle Mel. Run DMC traten für Jesse Jackson auf und Stetsasonic nahmen mit ihn eine gemeinsame Single auf. Zu den bekanntesten Mitgliedern der Nation of Islam zählen Afrika Bambaataa, Public Enemy, Muhammad Ali und Malcolm X.

Malcolm X ist eine weitere Figur, die sich grosser Beliebtheit in der Hip Hop Community erfreut. Spike Lee verfilmte 1992 die von Alex Haley geschriebene Biographie über ihn. Malcolm X wurde 1925 geboren als Malcolm Little in Omaha, Nebraska. Sein Vater Earl Little war Priester und Anhänger Marcus Garveys. Aufgrund rassistischer Angriffe musste die Familie mehrmals umziehen. 1931 wurde er ermordet aufgefunden, die Mutter bekam einen Nervenzusammenbruch und Malcolm und seine Geschwister wurden in verschiedene Pflegefamilien aufgeteilt. Trotz hervorragender schulischer Leistungen wurde Malcolm nahe gelegt, dass sein Berufswunsch Rechtsanwalt zu werden nichts für einen “Schwarzen” sei. Darauf hin ging Malcolm nach Boston und New York und wurde recht erfolgreich im Drogenhandel, der Prostitution und im Glücksspiel – der Teil der Biographie, mit dem sich viele Rapper identifizieren und die seine “street credibility” ausmacht. 1946 wurde er in Boston zu einer 7 jährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Während dieser Zeit begann er sich mit der Nation of Islam auseinander zusetzen. Dort las er die These Elijah Muhammads, dass “die “weisse” Gesellschaft mit allen Mitteln versuche, Afroamerikaner daran zu hindern, politischen und ökonomischen Erfolg sowie sozialen Aufstieg zu erlangen”. Das entsprach den eigenen Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend. Er schloss sich der NOI an und tauschte als sichtbares Zeichen seinen aus der Sklaverei herrührenden Nachnamen gegen ein X ein, als Platzhalter für seinen verlorenen afrikanischen Ursprung. Seit Anfang der 1950er wurde Malcolm X als Redner für die NOI aktiv und gründete Moscheen in vielen Städten der USA. In der Zeit trat er noch für eine separaten, “schwarzen” Staat ein. Sein Charisma brachte der Organisation enormen Zulauf. Hatte diese 1952 noch 500 Mitglieder waren es 1963 bereits 30.000. Das wachsenden Interesse der Medien an Malcolm X Person liessen ihn populärer werden als Elijah Muhammad und führten zudem dazu, dass das FBI begann, ihn zu überwachen. Interne Differenzen innerhalb der NOI und Enttäuschungen über seinem einstigen Mentor, der mehrere Frauen hatte und so die strikten Gebote des Islam missachtete, führten dazu, dass Malcolm X 1964 die NOI verlies und die Muslim Mosque, Inc. gründetet. Im selben Jahr unternahm er eine Pilgerfahrt nach Mekka und traf tausende von Gläubigen aller Nationen. Von da an adressierte er seine Reden nicht nur an die Afroamerikaner, sondern wollte alle ansprechen, unabhängig ihrer Hautfarbe und Herkunft. Damit sagte er sich endgültig von Elijah Muhammad los. Dieser ideologischer Bruch mit der NOI führte zu einem Mordaufruf an Malcolm X. Am 14. Februar 1965 erfolgte ein Brandanschlag auf sein Haus, den er und seine Familie überlebten. Doch eine Woche später wurde er von drei Mitglieder der NOI während einer Rede im Audubon Ballrom in Manhattan hingerichtet. Seitdem blieb die Faszination an seiner Person ungebrochen und erhielt nochmals besonderes Augenmerk durch die Verfilmung. Zitate und Anspielungen sind gang und gebe und die Popularität von Baseballkappen mit einem grossen X vorne aufgenäht ist ungebrochen. Der X-Clan um den Rapper Prof. X gründetet 1986 das Blackwatch Movement. Diese Bewegung ist stark “schwarz”-nationalistisch orientiert und will das bewusste “Schwarz sein” vor jegliche Religionen stellen, damit diese nicht die sogenannte “Ethnie” spalten könnte. Konträr dagegen ist eine rassistisch-elitäre Abspaltung der NOI, die 1964 in New York von Clarence Jowars 13 X Smith gegründete “5-percenter”. Die “5-percenter” sind diejenigen, die über alles Bescheid wissen, nämlich dass sie Gott seien und somit das Zentrum des Universums darstellten. Sie favorisieren mystische Inhalte und beschäftigen sich mit Sonnenereignissen und Zahlensymbolik. Mitglieder sind u.a. die Rapper Rakim, Big Daddy Kane und Lakim Shabaz.

Auf den grossen Hip Hop Tagungen ist die Nation of Islam regelmässig präsent. Auf der West Coast Hip Hop Summit im Frühjar 2002 nutzte Farakhan die Gunst der Stunde und beschwor die Hip Hop Gemeinschaft erneut, ihre Verantwortung als Friedensstifter und “world leader” zu übernehmen. Schon auf der Hip Hop Summit in New York im Juni 2001 adressierte es Ähnliches zu den anwesenden Hip Hop Künstlern, zu denen u.a. Queen Latifah, Sean Combs, Redman, Luther Campbell, Wyclef Jean, D.J. Premier und Kurtis Blow zählten und beschwor sie: “Maybe you are not aware of it but you have been chosen to lead”. Die Familie, Schule und Moscheen könnten die Kinder dieser Welt, von den USA bis Iran und China, nicht mehr erziehen, sondern Hip Hop würde dies machen. Farakhan erinnerte dabei an die Kraft des Wortes und dass der Einzelne, wenn er sich stärker zu Gott bekenne, sein Aufgaben mit grösserem Selbstvertrauen angehen würde - ein Aufruf, der Nation of Islam beizutreten und als Kämpfer Gottes zu agieren. Direkt sagt Farakhan “There is a strength in the [Hip Hop] community but what it needs is guidance”. Die Rede wurde mit Begeisterung aufgenommen. Interessant ist, dass Farakhan den Hip Hop eine quasi-religiöse Bedeutung zukommen lässt: “Hip Hop was created out of our communities pain and suffering. It provided us a way to cope and ultimately change our reality”. Er appellierte an die Hip Hop Künstler, positive Vorbilder zu geben und diese in ihren Texten zu beschreiben, anstatt Sklaven der Musikindustrie und des “Prison Industrial Complex” zu sein. Dieser wartete nur darauf wartete, die im Hip Hop als Vorbild hingestellten Gangster, Zuhälter und Prostituierten zu verhaften und einzusperren, so dass die afroamerikanische Community handlungsunfähig bzw. kontrollierbar bleibe. Unter “standing ovations” beendete er seine Rede mit “Take up the mantle of leadership and pray to God to help you use your talents. [...] Become architects of a brand new world, rise to your divinity and help us get back to our humanity”

Life, Liberty and Pursuit of Happiness

Wie aber ist es zu erklären, dass die einzige Antwort die Hip Hop auf die augenscheinlich gesellschaftliche Misere zu bieten hat, darin zu liegen scheint, diese mittels sozialen Verbesserungen durch konkrete Sozial- und Bildungsmassnahmen ändern zu wollen ohne den politischen Hintergrund zu analysieren? Zum Verständnis dieser Fokussierung auf soziales Engagement ist es hilfreich, sich den geschichtliche Zusammenhang vor Augen zu führen. Die formelle Gleichstellung vor dem Gesetz ist zwar erreicht worden, aber die soziale Diskriminierung dauert an. Dazu muss noch nicht mal weit in die Vergangenheit zurück blicken. Der letzte Fall, der die Öffentlichkeit schwer erschütterte, führte zu den Unruhen in South Central L.A. im Mai 1992. Auslöser war die Misshandlung Rodney Kings durch vier “weisse” Polizisten, was von einem Amateurfilmer auf Video festgehalten wurde. Trotz der Filmdokumentation sind alle Polizisten freigesprochen worden. In einem zweiten Prozess wurden 1993 zumindest zwei der vorher freigesprochenen Polizisten verurteilt

Die Wortführer des Hip Hops sehen sich in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung. Damals wie heute geht es um die Verbesserung der Lebensverhältnisse an sich innerhalb des amerikanischen Gesellschaft, nicht aber um Veränderungen des politischen Systems. Seit der offiziellen Abschaffung der Sklaverei waren die afroamerikanische Bevölkerung darum bemüht, die verfassungsmässig garantierten Rechte wie auch die in der Unabhängigkeitserklärung festgeschriebenen Garantien auf “Life, Liberty and Pursuit of Happiness” für sich geltend zu machen und die Gleichstellung nicht nur auf dem Papier zu erreichen. Der freie Zugang an Schulen und Universitäten oder das Wahlrecht konnten erst in der jüngeren Vergangenheit durchgesetzt werden. Der politischen Umsetzung musste die reale in der Gesellschaft folgen. Erstere gilt somit als erreicht und abgeschlossen, so dass im zweiten Schritt vordergründig soziale Aspekte im Blickwinkel der Bürgerrechtsbewegungen waren. Es wurde bzw. wird bis heute davon ausgegangen, dass die Realisierung der dokumentierten Rechte durch konkrete Sozialprogramme bewirkt werden und dies zu gleichen Lebensbedingungen für alle Amerikaner führen würde. Was für das “weisse” Amerika schon lange Selbstverständlichkeit ist, sind für viele Afroamerikaner schrittweise durchgesetzte Errungenschaften, die noch nicht allzu lange zur Normalität gehören

Political Activism: Black Panther & co.

Viele der Anfang des letzten Jahrhunderts gegründeten Organisationen sind heute keineswegs Vergangenheit geworden, sondern immer noch tätig. Eine dieser heute noch einflussreichen Organisationen ist die schon im Zusammenhang von KRS-One initiierten “Stop the Violence” Bewegung erwähnte National Urban League, die sich bereits 1910 gründete. Zusammen mit dem Hip Hop Summit Action Network, kurz HSAN, werden gemeinsame Aktivitäten geplant, zusammen mit der NAACP und Rap the Vote ein massiver Aufruf zu starten, dass sich Wahlberechtigte registrieren lassen um an der nächsten Wahl teilzunehmen. Die NAACP, die National Association for the Advancement of Colored People wurde 1909 u.a. von W.E.B. Du Bois gegründet. Die NAACP organisierte viele Protestbewegungen, wie beispielsweise gegen die von Präsident Woodrow Wilson 1913 ausgerufene Segregation und protestierte gegen die gängige Praxis der Lynchmorde. Sie führten zahlreiche Prozesse gegen das Verfassungsgericht und gewannen 1935 die Klage, dass Afroamerikaner an Universitäten zugelassen wurden. Auch Rosa Parks, die durch die Weigerung ihren Platz im Bus für einen “Weissen” aufzugeben, eine der grössten Bürgerrechtsprotestwellen in den USA auslöste, war Mitglied des NAACP. Zahlreiche Aufhebungen und Änderungen diskriminierender Gesetzesgrundlagen wurden durch den Protest der NAACP und ihrem Einsatz zur politischen Mobilisierung der Massen beeinflusst, so auch der “Equal Employment Opportunity Act” von 1963. Jeff Johnson, “national youth director” der NAACP bemüht sich verstärkt, Hip Hop Künstler und Anhänger anzusprechen und sie in die Aktivitäten einzubinden. “Young people may look at us as something that their grandparents had been a part of, but it is also one that they can use as a vehicle for social change”.

Als einer der militantesten Gruppierungen gilt die 1966 in Oakland/California von Huey Percy Newton, Bobby Seale und David Hilliard gegründete Black Panther Party for Self Defense, die neben der Gleichstellung der “Schwarzen” das Recht auf Selbstverteidigung durchsetzen wollte. David Hillard kümmerte sich die letzten Jahre erfolgreich um den Wiederaufbau der Organisation. Zusammen mit seinem Sohn Dorian gründete er das Label Black Panther Records. Als Co-Produzenten brachten sie 2002 die CD “All of Us” heraus. Musikalisch zeichnet sich die um James Calhoun mit dem Namen F.U.G.I.T.I.V.E.S. formierte Hip Hop Crew verantwortlich. Der Name steht für “Future Under the Guidance of Intelligent True Individuals who Visualize Every Struggle”. Calhouns Eltern waren beide Mitglieder der Black Panther und sein Vater ging als Musiker für die Black Panther auf Tournee. Calhoun, der zusammen mit Tupac Shakur in New York aufwuchs, programmierte schon Drumparts für dessen Album “Strictly 4 My NIGGAZ”. Desillusioniert von den kommerziellen Auswüchsen der Musik begann sich Calhoun seit Mitte der 1990er mehr für kleine Independent Bewegungen zu interessieren und produzierte MCs aus der Bay Area. Nachdem er ein 10-teiliges CD Set mit den Reden Malcolm X veröffentlicht hatte, wurde Hilliard auf ihn Aufmerksam und Ergebnis der Zusammenarbeit war “All Of Us”. Die 18 Tracks handeln von dem politischen Vermächtnis der Black Panther. Alte Phrasen wie “Power to the people” werden mit aktueller Hip Hop Rhetorik vermischt. Dazwischen sind Originalzitate aus Reden von Hilliard, Fred Hampton, dem Mitbegründer der Bewegung Huey Newton, wie auch Bruchstücke von Malcolm X, George Jackson oder neu eingespielte Statements von Elaine Brown zu hören. Sie brachte 1969 als erste Sängerin, Songwriterin, Pianistin und Black Panther Mitglied ein Album auf Motown heraus, auf dem sie kompromisslos die Inhalte der Black Panther Party vertritt: “Seize the Power”. David Hillard sagt zu seinen Intentionen: “This is an attempt ot get African-American youth back into the political movement. To counter the excesses of capitalism, like bigger medallions, diamonds, Fubu, and all the materialism…If you don’t join us or see the cause that we’re fighting, find your own niche in your community. Stop talking about it and make something happen”.

Die Black Panther Party entwarfen seinerzeit ein Manifest, das 10 Punkte “Platform and Program”, in dem sie die soziale und ökonomische Gleichstellung der Afroamerikaner forderten sowie ihr Recht auf Selbstverteidigung. Zu den Forderungen zählten Freiheit und Selbstkontrolle aller Institutionen innerhalb der eigenen Community, Arbeit für alle, Reparationszahlungen als Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht der Sklaverei, Bildung, in der die Geschichtsschreibung nicht ausschliesslich von einem “weissen” Standpunkt aus gelehrt wird, kostenlose Gesundheitsversorgung, sofortiges Beenden rassistisch motivierter Gewalttaten und Misshandlungen seitens der Polizei, die Beendigung aller Kriege weltweit seitens der US-Regierung, Freiheit für Gefangene sowie die Anerkennung, dass alle Menschen gleich sind und für alle gleichermassen die in der Verfassung garantierten Grundrechte gelten. Ziel war eine fundamentale Änderung der bestehenden Gesellschaftsordnung. Seit der Abschaffung der Sklaverei waren Lynchmorde an Afroamerikanern immer noch an der Tagesordnung. Auch wurden sie weiterhin von vielen Staatsbürgerrechten de facto ausgeschlossen, wie dem Wahlrecht oder der Benutzung öffentlicher Einrichtungen, ganz zu schweigen davon, dass prestigeträchtige Positionen nur von “Weissen” bekleidet wurden. Auch wenn 1964 die Segregation in öffentlichen Bereichen gesetzlich aufgehoben wurde, war die Umsetzung dessen nicht selbstverständlich. Afroamerikaner waren weder integriert noch fühlten sie sich akzeptiert, als dass sie zumindest sozioökonomische Freiheit errungen hätten.

Anfangs war die Black Panther Party nationalistisch ausgerichtet, begeisterten sich dann für die chinesische Kulturrevolution und übernahmen zum Teil marxistisch-leninistische Inhalte. Nachdem sämtliche friedlichen Protestbewegungen mit gnadenloser Polizeigewalt niedergeschlagen und unverhältnismässigen harte rechtliche Sanktionen gegen die Teilnehmer solcher Aktionen verhängt wurden, schien diese Form des Protest augenscheinlich zu keinem Erfolg zu führen. Daher kam es zu einer Radikalisierung im Zuge dessen auch bewaffnete Massnahmen diskutiert wurden. Eldrige Cleaver war Anfang der 1970er massgeblich daran beteiligt, die Durchsetzung von Zielen mittels militanten Aktionsformen in die Agenda der Party miteinzubringen.

Schockierend in der amerikanischen Öffentlichkeit wirkten die 1965 im Fernsehen gezeigten Bilder eines von der Polizei zusammengeschlagenen Afroamerikaners in Watts, Los Angeles. Gleichermassen aufrüttelnd war die TV-Berichterstattung über den gerade ausgebrochenen Vietnam Krieg, die zeigte, wie unschuldige Kinder durch Napalm Bomben verbrannten. Diese Bilder zusammen mobilisierten auch “weisse” Jugendliche gegen die amerikanische Politik. Die Black Panther Party eröffnete in allen grösseren Städten der USA Departments und auch in europäischen, afrikanischen und asiatischen Ländern formierten sich Unterstützergruppen. Die Black Panthers arbeiteten mit radikalen “weissen” Organisationen zusammen, wie z.B. der Peace and Freedom-Now Party. Sie wandten sich mit militanten Aktionen direkt gegen die Strukturen des Rassismus der kapitalistischen Gesellschaft, in der sie lebten und gegen den amerikanischen Imperialismus. Amerikas offizielle Antwort war, wie bei allen Bürgerrechtsbewegungen, die Unterdrückung und gewaltsame Zerschlagung dieser.

Staatliche Willkür und Repression

Abgesehen von den politischen Protestgruppen wurde vom FBI genauso Sozialprogramme attackiert um die Aktivisten zu demoralisieren. Dazu gehörte das Free Breakfast Program, bei denen bedürftige afroamerikanische Kinder jeden Morgen umsonst ein Frühstück erhielten. Initiiert zuerst in einer kleinen Kirche in San Francisco, verbreitete es sich über das ganze Land. Die amerikanische Regierung richtete daraufhin beschämt ein ähnliches Programm landesweit an allen Schulen ein. Das FBI sah in solchen Hilfsprogrammen jedoch nur ein Mittel, um ‘”kommunistische” Ideologien zu verbreiten und suchte die Arbeit zu behindern, indem etwa Kartonagen mit frischen Eiern umgeworfen wurden. Auch in den von den Black Panther eingerichteten Kliniken, in denen kostenlose, ärztliche Behandlung angeboten wurde, wurden gezielt Apparate zerstört. Das FBI entwickelte ein Gegenkonzept, dass unter dem Namen COINTELPRO bekannt wurde. Ziel war das soziale und politische Engagement der Black Panther Party zu unterlaufen, etwa durch Bespitzelung, gezielten Provokationen, die die Absichten der Projekte in ein negatives Licht rücken sollten. Die Methoden reichten von Einschüchterungstaktiken bis hin zur Hinrichtungen. Das FBI zerschlug diese Bewegung mit unfassbarer Härte, inhaftierte viele Mitglieder lebenslänglich oder lies sie umbringen. Dokumentiert sind 36 Fälle, bei denen AktivistInnen zuhause, im Gefängnis, wie George Jackson 1971 in San Quentin, oder “auf der Flucht” gezielt erschossen wurden.

Der Mitbegründer der Black Panther Party, Huey Newton, wurde 1967 inhaftiert und willkürlich unter Mordanklage gestellt. Dies rief den nationalen Protest “schwarzer” wie “weisser” Jugendlicher hervor, die seine Freilassung forderten. 1970 musste Huey Newton aus der Haft entlassen werden, da sich keine Anklage gegen ihn aufrecht erhalten liess. Huey Newton ging von 1974 bis 1977 freiwillig ins Exil nach Kuba, um einer Verurteilung wegen Mordes an einer Prostituierten zu entgehen. Elaine Brown übernahm den Vorsitz und David Hilliard, wie auch Bobby Seale wurden ausgeschlossen. In Oakland baute sich die Partei eine solide Basis auf zur Förderung sozialer Projekte und zur Verbesserung ökonomischer Strukturen und schaffte es erstmals erfolgreich einen afroamerikanischen Bürgermeister ins Amt zu stellen. Nach der Rückkehr Newtons aus Kuba jedoch, 1977, zerbrach die Partei an internen Zwistigkeiten wie auch an gezielten Demontageakten seitens des FBI. Die Wiederbelebung der Partei erfolgte 1993 mit der von David Hilliard und Fredrika Newton gegründeten “Dr. Huey P. Newton Foundation”. Sie wollen das Vermächtnis der Black Panther Party und die damals begonnenen sozialen Projekte weiterführen. 2001 entstand unter der Regie von Spike Lee der biographische Film “A Huey P. Newton Story”. Rapper wie Ali von A Tribe Called Quest und Tupak Shakur, dessen Mutter Assata Shakur zusammen mit zwei weiteren Aktivisten die Black Liberation Army gründete, bekannten sich öffentlich dazu, dass ihre Eltern bei der Black Panther Party aktiv waren.

The Next Generation

Was in vorangegangenen Jahrzehnten an Aufmerksamkeit der Civil Rights Bewegung zukam, gilt jetzt dem Hip Hop. Diesen Umstand versucht HSAN zu nutzen und Nachwuchsrapper zu ermutigen sich bewusst mit dem, was sie ausdrücken möchten, auseinanderzusetzen und nicht in Sex-and-Violence Plattitüden zu verfallen. Ähnliche Intentionen verfolgen auch Speak Out. Das “Institute for Democratic Education and Culture” ist eine non-profit Organisation, die progressive Redner und Künstler fördert: “Committed to social, political, cultural and economic justice, Speak Out encourages critical and imaginative thinking about domestic and international issues through artistic and educational forums nationwide”. Ihr Tätigkeitsbereich beschränkt sich nicht nur auf die Unterstützung sozial-politischer Foren, sondern sie organisieren Ausstellungen und zeigen Agitationsfilme. Unterstützt werden sie von über 200 Künstlern und Dozenten.

A.K. Black

Es gibt einige gute Beispiele für engagierte Rapper, wie beispielsweise A.K. Black. Seine Texte befassen sich mit Obdachlosigkeit, alltäglicher Gewalt, Rassismus, Gangs, Drogenmissbrauch und Gleichgültigkeit von Jugendlichen. Er leitete die Gruppe Eco Rap, die sich zum Ziel gesetzt hat, Jugendlichen mittels Rap ein Umweltbewusstsein näherzubringen. Ähnlich kritische Lyrics sind auch zu finden bei den Rappern von Dead Prez, Cannibal Ox, Madlib, Bless, Bus Driver, Del, Freestyle Fellowship, Kool Keith und Prince Paul sowie auf Veröffentlichung von Labels wie Stones Throw, Def Jux und Anti Pop Consortium.

Orange Flash

Eine andere Formation besteht aus Mohammed Bilal & Josh “BOAC” Goldstein. Mit ihrem Projekt “Orange Flash” bemühen sie sich eine andere Sichtweise über die aktuellen Verhältnisse und Rassismus und wie damit umgegangen wird vorzuführen. BOAC war schon zusammen mit den Souls of Mischief und Del the Funkee Homosapien auf Tour. Ihr Anliegen ist eine “cross-cultural communication”. Als Genre übergreifend gilt ebenso Soul Williams, ein Spoken Word Artist und Rapper. Er arbeitete zusammen u.a. mit KRS-One, Public Enemy und Krust. Auf seiner letzten LP “Amethyst Rock Star” appelliert er daran, für seine eigenen Standpunkte einzutreten und Zivilcourage zu zeigen: “A lot of people may not like it, but the act of saying, ‘I don’t like this’ is great because our generation has been so heavily fed the propaganda. The idea of thinking for yourself as an individual is a revolutionary concept now”.

La Paz

Die Latino Hip Hop Gruppe “La Paz” vertreten die Ansicht, dass Rappen ein besonderes Talent ist, dass dazu genutzt werden soll, die Welt auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen. Dementsprechend sozial engagiert sind ihre Lyrics. Die Company of Prophets, die Freiheitskämpfer des Hip Hop, geben Workshops über Hip Hop Geschichte und afroamerikanischer Musik und deren Ausdrucksmittel in Text und Ton. International Aufmerksamkeit erreichte das Duo bei den Anti-WTO Protesten in Seattle. Ihre erste LP hiess “Company of Prophets: Hella Live!”. Eine weitere engagierte Formation sind “WithOut Rezervation”, eine Native American Rap Gruppe, die sich mit der amerikanischen Geschichtsschreibung aus Perspektive der Indianer beschäftigt. Sie möchten Jugendliche dazu animieren, die eigenen kulturellen Errungenschaften und Werte zu verfolgen, anstatt sie gegen Gangrituale einzutauschen. “WithOut Rezervation” verbinden urbane Beats mit kompromisslosen Lyrics. Ihre beiden Veröffentlichungen tragen den Titel “Are You Ready for WOR?” und “World WOR Two”.

The Coup

Rapper jedoch, die sich wirklich konkret politisch auch in Bezug zur eigenen Landespolitik positionieren, sind nach wie vor in eine Seltenheit. Ausnahme davon sind The Coup. Sie machten aus ihrer anti-kapitalistischen Haltung nie einen Hehl, genauso wenig, wie die US-Regierung öffentlich zu kritisieren. Boots Riley ist einer der wenigen, der die Lösung nicht allein in sozialen Veränderungen sieht, sondern der für ein anderes politisches System eintritt. Während fast alle Rapper einhellig der Meinung sind, sie lebten im freiesten Land der Welt mit dem unumstösslichen Recht auf freie Meinungsäusserung und das soziale Übel wäre verursacht durch den politischen Missbrauch geltender Rechte Einzelner, die die Institutionen nutzen zur Unterdrückung anderer, sieht Boots Riley die US-Regierung als Verbrechersyndikat: “The US government should stop terrorizing and creating a climate of terror around the world. That would be the end of it, probably. The US has been gangbanging for profits, and they need to stop”. Boots Riley plädiert für eine Weltordnung auf einer Basis kommunistischer Ideologien, die einer demokratischen Kontrolle unterliegen. Der erwirtschaftete Reichtum soll an alle verteilt werden und ein wirtschaftlich begründetes Klassensystem müsse abgeschafft werden. Denn ohne materiellen Grundlagen, könne auch kein neues Gesellschaftssystem errichtet werden: “Any music that wants to call itself “conscious” or “political” has to connect itself with organizations that are actually involved in campaigns that will raise the standards of living of the people that are listening to the music. In that way only will the music be relevant. But as far as telling someone that they need to change what is in their head, that is not enough. …We have to realize that our struggle is about material resources being available for the community”.

Ein Statement von The Coup dazu sollte das 2001 erschienene Album “Party Music” sein. Die vor dem 11.9.2001 konzipierte LP hatte ein Cover, dass das World Trade Center zeigte, dessen oberen Etagen in einem Flammenmeer untergingen. Boots Riley dazu: “The cover was a metaphor for the power of music to destroy capitalism”. Das mit einem Bildbearbeitungsprogramm hergestellte Motiv des Covers sollte eine politische Provokation sein und mit Humor gesehen werden. Doch die Realität überholte die Gruppe, die daraufhin das Albumdesign zurück zog. Riley: “What happend on September 11 does not historically or philosophically represent what people are talking about when they advocate a revolution by the people. I wanted to make sure that was clear. Also, some of the humor that was in the cover prior to September 11 would not have been seen as funny. If you are telling a joke, context has a lot to do with it”. Boots Riley wurde von einer englischen Zeitung bezichtigt, enge Verbindung zur Al-Kaida zu haben und von dem Anschlag auf das World Trade Center gewusst zu haben. Riley verklagte daraufhin die Zeitung, aber einmal in Verdacht geraten, kam er und The Coup auch in den USA in die Kritik der Öffentlichkeit.

Veränderungen könnten nach Rileys Meinung nur dadurch erreicht werden, dass die eigenen Standpunkte öffentlich bezogen werden. Doch er sieht, dass die Medien versuchen, kritische Stellungsnahmen zu unterdrücken und die Betroffenen dermassen ins Kreuzfeuer nehmen, um andere abzuschrecken, ihre Meinung frei zu äussern. Unlängst musste die Gruppe erleben, wie sie grundlos daran gehindert wurden, öffentlich aufzutreten. Die Polizei von San Francisco verbot ohne weitere Erklärungen ein geplantes “Peace Concert” im Delores Park.

USA Today

Solche Restriktion, die die freie Meinungsäusserung wie auch die Bewegungsfreiheit betreffen, liegen im allgemeinen innenpolitischen Trend nicht nur in den USA. Weltweit ist eine zunehmende Überwachung und Einschränkung der Privatsphäre zu beobachten. In den USA wurden und werden allerorten Datenbanken eingerichtet, die alle diejenigen erfassen, die möglicherweise zu einer Gang gehören könnten. Als Kriterium gelten Kleidung, Schuhe oder Tätowierungen. In Denver wurde schon 1992 eine solche Datei angelegt, die 80 % aller afroamerikanischen Jugendlichen der Stadt registrierte. Das FBI ist zur Zeit verstärkt darum bemüht, diese Datenbanken auszubauen und mit Fotos, Fingerabdrücken und DNA-Proben zu erweitern. Solche Archive werden, speziell nach dem 11. September 2001, sowohl von staatlichen Stellen als auch von privaten Betreibern angelegt. Im Oktober 2002 wurde in den USA der “Patriot Act” verabschiedet. Dieser erlaubt es der Regierung das Internet-Überwachungsprogramm “Carnivore” zu installieren, mit dem sämtliche Kommunikationsleitungen, inklusive Email und Websiteaktivitäten aufgezeichnet werden dürfen, ohne dass das FBI Rechenschaft in irgendeiner Form darüber abgeben muss. Infolgedessen wurden zahlreiche Anti-Globalisation-, Anti-Prison- und Anti-Kriegs-Aktivisten festgenommen und verhört. Unter dem Vorwand des “domestic terrorism” befürchten auch Hip Hop Aktivisten verstärkt in das Visier des FBI zu rutschen und zum Schweigen gebracht zu werden.

Diese Befürchtungen sind nicht ganz unbegründet. Die “Anti-Terrorism Bill” sieht weitreichende Kompetenzen nicht nur für FBI und CIA vor, sondern auch für die lokale Polizei. Dazu gehören geheime Ermittlungen, dass Abhören von Telefon und Internet mit so gut wie keiner richterlichen Kontrolle und der Zugang des FBIs zu Akten ohne Begründung oder Verdacht auf eine Straftat. Gravierend ist auch, dass Staatsanwaltschaft oder Aussenministerium jetzt die Möglichkeit haben, us-amerikanische Organisationen als terroristische Gruppen einordnen und jedem Nicht-Amerikaner die Einreise verweigern können, der Kontakt zu diesen Gruppen unterhält. Dieses Gesetz erlaubt es weiterhin, Ausländer auf unbestimmte Zeit zu inhaftieren.

FBI Studie: Rap und seine Auswirkungen auf die nationale Sicherheit

Schon 1990 überreichte das FBI dem amerikanischen Kongress eine Studie, die den Titel trug: “Rap und seine Auswirkungen auf die nationale Sicherheit”. Das Hip Hop als Risikofaktor gesehen wird, belegt ein anderer Vorfall, der sich in Verbindung mit einer staatlich geführten Überwachungsaktion 1999 ereignete. Damals wurden Mitglieder der Zulu Nation inklusive der Jugendlichen, die sie betreuten, insgesamt 34, ohne Grund in einem Park in Staten Island verhaftet. Die Zulu Nation, die sich als Vorbild versteht und durch zahlreiche Aktivitäten versucht, Jugendliche von Gangs fernzuhalten, standen zu dem Zeitpunkt unbemerkt unter der Überwachung des New York Police Departments (NYPD). Als Verhaftungsgrund wurde angegeben, dass sie gegen ein Gesetz verstossen hätten, dass es verbietet, dass sich mehr als 20 Personen zusammen in einem öffentlichen Park treffen. Es kam zum Gerichtsverfahren. Letztendlich wurden alle aufgrund des unermüdlichen persönlichen wie finanziellen Einsatzes der Zulu Nation, freigesprochen. Die Zulu Nation, wie auch die wieder gegründete Black Panther Party, wurde von der NYPD als Gang klassifiziert und als kriminelle Vereinigung angesehen, ohne die inhaltliche Ausrichtung dieser Organisationen zu betrachten. Das Gefährliche in diesem Gesetz liegt darin, dass der Willkür Tür und Tor geöffnet wurden. Denn nach welchen Kriterien macht sich jemand verdächtig, wird als vermeintliches Gangmitglied oder gar als Terrorist eingeordnet? Wer definiert solche “Erkennungsmerkmale”? Und ist demnächst nicht schon eine Äusserung gegen die Politik ausreichend, um ins Visier der Überwacher zu geraten?

Möglicherweise reicht schon ein Album Cover aus, um in dieses Raster zu fallen. Die gesellschaftliche Provokation des Hip Hop liegt jedoch nicht nur in seiner öffentlichen Präsentation. Ebenso liegt sie an dem empfundenen sozialen Sprengstoff der Texte, sowohl durch Wortwahl als auch im Inhalt und der dort hinein interpretierten politischen Dimension. Public Enemy gehört zweifelsohne zu den politisch sich am militantesten artikulierenden Rapgruppen, die seit über 15 Jahren aktiv dabei sind. Ihr Track “Black Race – how low can you go?” wurde zensiert in “Bass – how low can you go?” Die Radikalität mancher Texte, wie beispielsweise “Wellcome to the Terrordome”, “Power to the People” oder “Fight the Power”, führten jedoch nicht dazu, politische Machtverhältnisse an sich zu hinterfragen, geschweige denn zu einer Revolution. Die Lyrics, nicht nur von Public Enemy, bieten Interpretationshilfen, jedoch keine Alternativen.

Die Kehrseite des amerikanischen Traums

Hip Hop führt soziale Misstände vor Augen und gesellschaftliche Problematiken, die gerne ausgeblendet werden. Hip Hop zeigt die Kehrseite des amerikanischen Traums - und sonnt sich darin, wenn von einer kleinen Minderheit abgesehen wird. Egal, ob Realität oder gespielt, Kriminalität, Drogenkonsum, “Bitches” und schnelles Geld sind die Attribute, die heute die “realness” eines Rappers ausmachen. Nur wenn er dies verkörpern kann, scheint er “authentisch”, wird ihm geglaubt. Fehlt ihm diese Aura, wird er als geldgierige Marionette einer Plattenfirma angesehen und verliert umgehend seinen Platz in der Hip Hop Community. Mit dieser Strategie lässt sich Eminen bestens verkaufen – es zählen nicht die Beats, sondern die Attitüde, und die versteht Eminem meisterlich vor sich herzutragen. Da er als “weisser” Rapper, von Suge Knight produziert, weniger Repressionen zu befürchten braucht als andere, darf er sich relativ ungeniert entgegen aller auf den Hip Hop Summits geäusserten Bedenken bezüglich des zu vermittelten Images aufführen. Warum aber wird ihm diese Blankovollmacht gegeben?

Money makes the world go round

Es geht um Geld. Auch wenn sich Rapper politisch engagieren, ist allen sehr genau klar, dass sie im Showgeschäft tätig sind und keiner hat seine vorgetragene Militanz bis zur letzten Konsequenz vertreten. Sowohl Public Enemy wie auch N.W.A. ordneten sich den Spielregeln des Musikbusiness unter – sonst wären sie auch Politiker geworden und nicht Musiker. Das Bekenntnis zu politischen Positionen ist noch nicht gleichzusetzen mit politischem Engagement. Obwohl allerorten der Ruf nach sozialen Verbesserungen laut wird, gibt es nur wenige Hip Hop Künstler, die dies in ihren Lyrics thematisieren. Die meisten von ihnen sind in den Charts oder auf MTV nicht zu finden. Nicht verwunderlich, denn sie spielen das Spiel um Geld und Ruhm nicht mit. Sie haben die “10 Commandments” nicht unterschrieben, erhalten dafür auch keine Massenaufmerksamkeit. Diesen Rappern geht es vor allem um ihre Inhalte, die klar ausserhalb des Popbusiness liegen und sie benutzen Rap als Mittel, um Leute anzusprechen. Sie arbeiten wirklich daran, reale Verhältnissen zu verbessern, anstatt illustre Gestalten zu mimen. Das ist wenig glamourös und vorallen Dingen politisch brisant. Denn das, was sie machen, entspricht der geforderten “realness”. Sie stehen für ihre Aussagen auch im wirklichen Leben und hinterfragen politische Strukturen. Damit sind sie für die Plattenindustrie so “real”, dass sich diese scheut, sie im grossen Stil zu vermarkten. Was wäre, wenn diese Rapper trotz Kontroversen auf ihre Inhalte beharren auf Kosten ihrer Karriere? Und sich nicht dem vom Plattenlabel aufgestellten, in Abstimmung auf den von der politischen Mehrheit dominierten Publikumsgeschmack abgestimmten Strategieplan zur Karrieregestaltung einlassen? Public Enemy beugten sich den Spielregeln und entliessen den sich durch antisemitische Äusserungen profilierenden Professor Griff, um der eigenen Kündigung seitens der Plattenindustrie zuvor zukommen. N.W.A., die “authentischsten” Vertreter des Ghettos schlechthin, willigten ein “Fuck Tha Police” nicht mehr öffentlich aufzuführen. Denn was hilft es aus Sicht der Rapper, Gangster, Mafiapate und Zuhälter zu spielen wenn man sich noch nicht mal eine Krankenversicherung leisten kann? Das Labelmanagement entscheidet, wann und ob die nächste Platte erscheinen wird. Der Künstler ist ökonomisch abhängig und seine Karriere hängt am Wohlgefallen anderer und dieses sucht er sich zu erhalten. Es ist ein Spiel um Geld und Macht, bei dem viele mitspielen, gewinnen und verlieren. Da es um grosse Summen geht, sind die Regeln entsprechend hart und mancher hat mit seinem Leben bezahlt. Keine andere Musikkultur zuvor scheint dies so zu zelebrieren wie Hip Hop.

Its bigger than Hip Hop

Hip Hop gibt den Soundtrack ab zu sich radikalisierenden wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen. Dies ist daran zu merken, dass der Arbeitsplatz häufig gewechselt werden muss und der rechtliche Schutz für diesen immer mehr abgebaut wird. Hinzu kommt eine rasante Technologieentwicklung mit ständig wachsende Anforderungen. Da sich die gesellschaftliche Entwicklung nicht im gleichen Tempo der technischen anpassen kann, lösen sich bestehende Gesellschaftskonzepte zunehmend auf. Diese Diskrepanz führt zu Existenzängsten. Der Konkurrenzgedanke verstärkt sich nach dem Motto: Nur der Beste überlebt. Infolge dessen werden Verteidigungsstrategien in Form von Sexismus, Machismo und Körperkult aufgebaut, die die eigene Person mächtiger erscheinen lassen soll. Zusätzlich wird versucht, die Manifestierung des sozialen Status durch Hervorhebung materiellen Besitzes und extensiven Konsumverhaltens zu erreichen. Uneingeschränkt werden kapitalistische Strukturen auf Kosten sozialer Werte verteidigt. Respekt wird all denen entgegen gebracht, denen unterstellt wird, dass sie durch ihren wirtschaftlichen Erfolg Grundlagen für eben solchen in der afroamerikanischen Community gelegt hätten. Das gilt generell für alle Labelbesitzer, egal welches Image sie verkörpern. Mit dem Hinweis auf ökonomischen Fortschritt lassen sich Widersprüche tolerieren und ausbeuterische Strukturen des Kapitalismus verteidigen. Doch trotz materiellen Erfolgs und einer afroamerikanischen Mittelschicht entstand keine ökonomisch autarke “Black” Community, sondern die erfolgreich Gewordenen integrierten und integrieren sich bereitwillig in das bestehende wirtschaftlich System. So auch die Rapper. Spätestens beim Erfolg endete die vorgetragene Radikalität. Würde man auf ihr Bestehen, würde man sich selbst vom weiteren finanziellen Gewinn ausschliessen. Steht Hip Hop also zwischen Kontoauszug und Gewissensbissen?

Hip Hop verbleibt als Musikkultur in den Spielregeln der Popindustrie, d.h. die Musik lässt alle daran teilhaben und radikalisiert sich über den Habitus, nicht aber den Inhalt an sich. Malcom X Baseballkappen und pan-afrikanische Modeaccessoires stehen Symbolen kapitalistischer Werte wie Goldketten und BMW gegenüber, die letztendlich einzig und allein die Forderung beinhalten, uneingeschränkt teilzuhaben am kapitalistischen Wohlstandssystem. Es geht nicht darum, dessen Funktionsmechanismen zu analysieren und die Folgen sozialer Hierarchien, politischer und ökonomischer Macht über andere, wie Ausbeutung, Verelendung und Ausgrenzung in Frage zu stellen, sondern es wird mehrheitlich der unbedingte Wille demonstriert, uneingeschränkt mitzumachen und ein Teil dessen zu sein. Erst wenn sozialer Verteilungskampf nicht mehr als Kampf zwischen “schwarz” und “weiss” interpretiert wird, wird Hip Hop bestehende politische Machtverhältnisse aufbrechen und vielleicht eine neue Utopie anbieten können. Wie Dead Prez schon resümierten: “It’s Bigger Than Hip Hop!”

Utopie oder Realität: Die Hip Hop Nation

Noch stimmt dies wohl. Aber Hip Hop hat ein ungeheures Potential, dass noch lange nicht ausgeschöpft ist. Die Rapper, DJs, Graffiti Sprayer und Breaker haben es innerhalb von 30 Jahren geschafft eine Kultur aufzubauen, die weltweit eine riesige Anhängerschaft besitzt. In jedem Land der Erde, von der Eiswüste Alaskas bis in die Höhen des Himalaya, wird Hip Hop gehört und sind Graffiti Tags zu sehen. Andere kulturelle Ideologien brauchten Jahrhunderte, um eine so immense Verbreitung zu finden. Hip Hop ist ein Kommunikationsmedium, das effektiver ist, als alle Nachrichtenagenturen der Erde. Wenn diese Millionen Hörer begreifen, was sie zusammen als “Hip Hop Nation” für eine Macht haben könnten, dann lässt sich die Welt verändern. Die berechtigten Appelle an die Verantwortung der Rapper sind das eine. Den müssen sie sich selbst stellen. Die bis jetzt den Markt beherrschenden Mechanismen der Plattenindustrie ausser Kraft zu setzen, das jedoch können wir alle ändern. Wir kaufen die Platten und das uns angebotene Image. Wir machen uns damit zum Botschafter solcher Inhalte. Hip Hop hat aber mehr zu sagen, als uns auf MTV gezeigt wird. Hip Hop hat eine politische Aussage, siehe KRS-One oder der Zulu Nation, die es verdient, mehr Beachtung zu finden. Afrika Bambaataa ruft jetzt dazu auf, “in diesem Jahrtausend Fakten zu schaffen, anstatt weitere Glaubensbekenntnisse abzugeben”. “Allthough the universal Zulu Nation was into beliefs like so many other humans on this planet so called Earth in the last millenium, we will in this millenium be leaving the belief system and will be all about factology versus beliefs. Right knowledge, right wisdom, right overstanding, right sound reasoning, to bring about right ways and actions, right thinking. [...] Behold and get ready for the NOW MILLENIUM”. Wir alle müssen uns dafür einsetzen bestehende Machtstrukturen aufzulösen und können dies nicht nur den Rappern überlassen. Wenn wir Bush, Schröder, Hussein, Blair, Scharon oder Putin in ihre Schranken weisen und den Staatsterror dieser Regierungen nicht weiter mittragen wollen, dann müssen wir die Botschaften derer verbreiten, die sich dagegen wenden. Nicht von ungefähr werden Rapgruppen wie The Coup von der Ordnungsmacht daran gehindert, öffentlich aufzutreten. Solche Massnahmen werden keine Kritik verhindern. Hip Hop hat schon einiges bewirkt. Allen voran die Tatsache, dass es Menschen unterschiedlichster geographischer und kultureller Herkunft vereint hat, die sich gemeinsam als “Hip Hop Community” verstehen. Warum also nutzen wir eigentlich nicht die Schlagkraft dessen, was Hip Hop erbaut hat? Warum setzen wir uns nicht politisch dafür ein, was musikalisch schon vollbracht wurde? Angenommen es würden morgen weltweit alle Hip Hop Fans und Sympathisanten auf die Strasse gehen, um lautstark gegen Diskriminierung und für die Aufhebung aller Staatsgrenzen zu demonstrieren. Dann gilt wirklich: “It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back”.

Autor: admin
Datum: Thursday, 24. April 2008 1:31
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